01/2016 – Wien/Mailand – Die lombardische Metropole Mailand, bekannt als florierende Handelsregion des Mittelalters und Region mit der stärksten Kaufkraft im Italien des 21. Jahrhunderts, ließ sich mit dem Auftrag des „Bosco Verticale“ – dt. „vertikaler Wald“ ein bedeutendes Denkmal erbauen, das als Vorzeigeprojekt für smarte Städte dienen könnte.

Inmitten eines ruhigen, naturbelassenen Stadtteils, dem „Porta Nuova“ wurde ein neues Zentrum geschaffen, der sich durch architektonisch beeindruckende Gebäude und Konstruktionen abhebt und vor allem durch ein Bauwerk besonders stark in den Mittelpunkt rückt – dem Wohnkomplex „Bosco Verticale“.

„Bosco Verticale“ wurde vom Mailänder Architekten Cini Boeri entworfen und besteht aus zwei Hochhäusern (119 & 87 Meter Höhe). Nun – Hochhäuser sind bekanntlich nichts Außergewöhnliches mehr, wären da nicht die – in Summe – 8.900 Quadratmeter großen Terrassenflächen, die in Form von Schubladen hinausragen und Platz für über 20.000 Pflanzenarten bieten. Um die teilweise bis zu neun Meter hohen Bäume zu verankern, wurde die Dicke der Betonplatten deutlich erhöht und durch speziell angebrachte Erdbehälter zusätzlicher Halt geboten, wodurch die Bäume nach Angabe Boeris auch Stürme mit Böen mit über 120 km/h überstehen können.

stadtnatur

Der rund eine Hektar Wald, der auf insgesamt 27 Stockwerken seine Äste und Sträucher ausdehnt, soll aber nicht nur das optische Antlitz der Stadt aufwerten. In Zeiten der Klimafragen und der Luftverschmutzung in urbanen Gebieten – dieses Thema war Ende 2015 auch in Italien gefragter denn je – verspricht man sich von dieser bautechnologisch interessanten Konstruktion auch natürliche Eigenschaften, die auch ein Wald am Stadtrand mit sich bringt. Bäume, die als Luftfilter fungieren und Sauerstoff produzieren, Sträucher und Äste die sich entlang der Außenwand schmiegen und Hitze und Kälte abmildern und zum ökologischen Dämmmaterial werden, sollen das allgemeine Wohlbefinden in unmittelbarer Umgebung verbessern.

die krux mit der pflege

Wie bei jedem Einfamilienhaus mit eigenem Garten werden sich die EigentümerInnen selbst um den privaten Garten Eden kümmern dürfen. Das Gesamtwohnkonzept des Architekten Boeri sieht zwar vor, dass sich die EigentümerInnen koordinieren und die Bewässerung der Grünflächen effizient gestalten, doch wird sich in der Praxis zeigen, ob jeder sein eigenes Süppchen kocht oder der soziale Gedanke des Urban Gardenings auch in Mailand Einhalt findet. Sollte dem nicht so sein, könnte der florierende Wald bald zur unattraktiven Brachfläche mutieren.

vertikales grün gegen horizontale tristesse

Bosco Verticale, Blick von Unten (C) Mishkabear Photography

Vielleicht braucht es diese Projekte um ein optisches Statement gegen Spiegelfassaden diverser Kredit- und Versicherungsinstitute zu setzen und gleichzeitig den Verfall städtebaulicher Substanzen aus dem Rampenlicht zu rücken. Eines ist klar – wenige Gebäude (und schon gar keines aus der Neuzeit) sind für die menschliche Ewigkeit gebaut. Über Geschmack lässt sich glücklicherweise streiten, jedoch lässt sich nicht abstreiten, dass dieser Gebäudekomplex dem Begriff „Großstadtdschungel“ alle Ehren macht.

Fassaden- bzw. Dachbegrünung ist in Wien wahrlich kein Fremdwort. Auch wenn es einige wenige Projekte sind, kennen sie doch sehr viele. Gerne würde ich mehr solcher Gebäude in Wien erleben und vielleicht auch als smartes Projekt für die Smart City Wien anpreisen. Vielleicht wagen sich in einigen Jahren auch die Wiener StadtplanerInnen und ArchitektInnen an diese Projekte und können somit ihren Teil dazu beitragen, dass Städte nicht nur im Wording „grüner“ werden.

denk weiter.

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