05/2015 – Wien/Den Haag – Die niederländische Stadt Den Haag, Sitz des europäischen Gerichtshofes und Regierungssitz der Niederlande, lies mit einer stadtplanerischen Idee aufhorchen, die man der konservativen, vom Charme der niederländischen Regierungsfamilie eingehauchten Stadt, nicht zutrauen konnte.

„The Hague – Sustainability in The Hague neighbourhoods“ zu Deutsch, Den Haag – Nachhaltigkeit in Den Haags Nachbarschaft, ist ein Programm, entwickelt von der städtischen Regierung, die den BewohnerInnen helfen soll, ihre eigenen Ideen für eine verbesserte Lebensqualität in ihrer Wohngegend zu verwirklichen. Dieser partizipative Ansatz ermöglicht – unter der Voraussetzung, dass sich die engagierten Personen zu selbstagierenden Gruppen zusammenfügen – eine finanzielle Unterstützung von bis zu 8.000 € je Projekt, um Nachbarschaftsgegenden durch subjektive Eindrücke einzelner BürgerInnen wieder aufzuwerten bzw. zu verschönern. Beim Start dieses Programms 2013 wurden 27 Projekte bewilligt – aktuell sind es 31. Die Zahl der Bewerbungen steigt jährlich und es ist schön zu beobachten, dass die Anzahl der bewilligten Projekte nicht geringer wird.

gartl´n ums eck oder steckt da mehr dahinter?

8.000 €, böse Zungen könnten nun behaupten, dass man damit nicht allzu viel anfangen kann. Doch ein Einblick in einzelne Projekte zeigt, dass die BürgerInnen Den Haags sehr wohl wissen, was sie mit dem Geld anfangen können – an Ideen mangelt es jedenfalls nicht.

ein beispiel gefällig:

In einem kleinen Stadtteil Den Haags mit dem Namen „Quartier Laak“ haben sich die BürgerInnen zum Ziel gesetzt, die CO2-Emisionen drastisch zu reduzieren. Um Ideen zu sammeln und konkrete Ansätze herauszuarbeiten, finden sogenannte „Match Markets“ statt. Diese werden von allen BewohnerInnen besucht und bringen Vorstandsvorsitzende, EinzelhandelsunternehmerInnen, engagierte Hausmänner & -frauen sowie Studierende und SchülerInnen zusammen.

So kommen interessante Lösungen zum Vorschein. Wie beispielsweise diese, der ansässigen Fabrik zur Herstellung von Papier, die den täglichen Papierbedarf einer Bildungseinrichtung deckt und diese mittels Fahrradboten beliefert.

Quartier Laak Match Market (c) ytimg.com

 

Es müssen daher nicht zwangsläufig Projekte sein, die zur optischen, grünen Verschönerung beitragen. Wohlgemerkt haben sich einige BewohnerInnen dazu entschlossen, Dächer und Markisen zu begrünen und so für ein optisch ansehnliches Ambiente zu sorgen. Wer mag es ihnen übel nehmen, wenn die Stadt diese Vorhaben unterstützt und fördert.

Finanziert werden diese Projekte durch Mittel der Stadt, der jährlich 3,5 Millionen € zur Verfügung stehen – festgesetzt wurde diese Summe für die kommenden 4 Jahre. Ein Beweis dafür, dass man hier Geld in die Hand nimmt und Projekte fördert, die den BürgerInnen ein Anliegen sind.

was steckt dahinter?

Dieses Programm ist Teil eines Klimaplans, dem sich die BürgerInnen und VertreterInnen der Stadt Den Haag verpflichtet haben. Dieser besagt, dass Den Haag im Jahr 2040 CO2-neutral ist, was einige unter euch LeserInnen an die Wiener Smart City Rahmenstrategie erinnern lässt – dies zeigt, dass europäische Städte den Weg in eine emissionsreduzierte Stadt gehen wollen und in ihrem Vorhaben ähnliche Ziele verfolgen.

partizipation vs. selbstbestimmung?

Dieser Ansatz ist bis dato einzigartig und vor allem in Österreich steckt die Möglichkeit einer Förderung der städtischen Regierung für solch kleine Nachbarschaftsprojekte noch in den Kinderschuhen. Denn, Wien fördert erst seit Frühling 2015 sogenannte „Grätzloasen“ mit maximal 8.000 € und wagt den Schritt in dieselbe Richtung – der Zuspruch der Bevölkerung ist bekannterweise sehr hoch. Auch hier wählt eine Jury die Projekte aus, die gefördert werden sollen. Diese überlässt den agierenden BürgerInnen die Gestaltung und Umsetzung.

Überblich über Den Haag (c) urbancapture.com

 

Doch wie sieht der Zugang der FachexpertInnen aus – wie ist das Standing seitens der VertreterInnen von Gemeinden, Stadt, Land und Bund zu bewerten. Mehr als nur einen kleinen Einblick hat das 9. Smart City Forum mit dem Thema BürgerInnenpartizipation am 5. Mai 2015 geboten. Von der Smart City Wien Agentur organisiert, hat die Veranstaltung auch durch ihr flexibles sowie umfangreiches Programm geglänzt. Man konnte sich viele Meinungen über die gebotenen Diskussionen und Präsentationen bilden, doch ein bestimmter Konsens ließ sich problemlos ableiten:

Partizipation darf so weit gehen, dass die BürgerInnen im Zuge eines Umgestaltungsprozesses ihrer näheren Umgebung ihre Ideen einbringen können und somit ein sinnvoller Diskurs mit FachexpertInnen und VertreterInnen der Gemeinde über die eingebrachten Vorschläge stattfinden kann. Alle Eventualitäten und Möglichkeiten werden analysiert, doch die endgültige Instanz, bleibt der Verwaltungshoheit überlassen.

In Den Haag geht man einen Schritt weiter, denn die eingebrachten Partizipationsprojekte werden von VertreterInnen der Stadt abgesegnet und mit den zuvor erwähnten Fördermitteln finanziert – doch die endgültige Gestaltung sowie Initiierung wird von den BürgerInnen bewerkstelligt. Beide Ansätze haben ihre Vor- sowie Nachteile – welcher ist für Dich sinnvoller?

den haag hat noch einiges vor

Die städtische Regierung Den Haags hat ambitionierte Pläne, seine Nachbarschaftspolitik und die stattfindenden Interaktionen weiter auszubauen. Der sogenannte Plan „Opwaartse kracht“ – zu Deutsch „Kraft, die von unten kommt“ (bottom up) soll dazu beitragen, gezielte Investitionen zu tätigen, mit dem Ziel, die soziale Inklusion zu stärken und die lokale Wirtschaft zu unterstützen. „Die Herausforderung ist, benachteiligten Nachbarschaften einen Schub zu geben“ – erklärte der oberste Vertreter der Stadt, Rabin Baldeswingh.

Bisherige Förderungen einiger Stadtteile Den Haags, die quasi als Versuchsobjekt für „Opwaartse kracht“ dienten, führten zu einem erhöhten Anteil an qualitativem Wohnraum, eine Verringerung der Kriminalitätsrate sowie deutlich saubere öffentliche Räume. Der Erfolg gibt Den Haag recht, weshalb die Liste der Stadtteile, die in dieses Programm aufgenommen werden, verlängert wurde.

lokale initiativen sind willkommen

Völlig egal, ob diese Initiativen in Den Haag, Wien oder anderswo stattfinden – der Mehrwert dieser, ist dank der steigenden Akzeptanz der Bevölkerung ein sehr hoher. Es gibt den betroffenen AnrainerInnen ein Sicherheitsgefühl, selbst über das Aussehen und den Bedarf der lokalen Umgebung bestimmen zu dürfen. Zudem kann mit lokal ansässigen Unternehmen und FachexpertInnen in gemeinsamer Arbeit an Lösungen gearbeitet werden, die weit über die Vorstellungskraft eines „Grünraumverschönerers“ gehen können.

Ein reibungsloser Verlauf von erfolgreichen Projekten mit großer Teilhabe der Bevölkerung kann man sich wohl in Wien nicht von Beginn an erwarten. Das kann alles nicht von heute auf morgen geschehen und braucht sicher seine Zeit, aber es ist schon einmal ein lobendes Wort wert, dass der Ansatz da ist, die „Grätzloasen“ in Wien sukzessive aufzuwerten und zu verschönern. Selbst Den Haag konnte sich den Erfolg von „Quartier Laak“ nur in ihren kühnsten Träumen vorstellen – jetzt ist es das Flaggschiff der Nachbarschaftsinitiativen der niederländischen Hafenstadt. Eine Neuauflage dieser Erfolgsgeschichte würde in Wien sehr gut passen, wobei der entscheidende Impuls nicht zwingend von oben kommen muss.

denk weiter.

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