06/2017 – Wien – Die Stadt der Zukunft – in den wilden 1970er Jahren gingen ExpertInnen noch davon aus, dass wir im Jahr 2017 mit fliegenden PKWs unterwegs sein werden und uns hauseigene Roboter das Mittagessen zaubern, die Post holen und uns vor Einbrechern beschützen. Mit einem leichten Schmunzler im Gesicht muss man jedoch anerkennen, dass nicht alle Ideen zum Scheitern verurteilt waren. Zwar fliegen wir nicht mit PKWs durch die Gegend und auch Roboter sind (zumindest nicht in der Gestalt eines Metallkonstrukts) in unsere eigenen vier Wände eingedrungen. Doch die Vernetzung und die „Internet of Things“ (IoT) haben unser Leben zweifellos bereichert und finden auch in der innerstädtischen Mobilität ihren Platz. Genauer gesagt, wenn Busse der städtischen Verkehrsbetriebe ihre Fahrgäste von A nach B befördern – und das ohne FahrerIn, Neu-Deutsch „autonom“.

Nicht wenige ExpertInnen gehen davon aus, dass die autonome Fahrzeugtechnologie, die im großen Stil von Tesla, Google und wie sie alle heißen, erprobt und hergestellt wird, das Ende des öffentlichen, von den städtischen Betrieben durchgeführten Verkehrs bedeuten kann. Zweifellos eine spannende Ansichtssache – doch sind andere von dem Gegenteil überzeugt: Autonome Fahrzeuge treten in der jüngsten Zeit vermehrt als Test- & Forschungsprojekt auf, die im innerstädtischen Bereich vom ansässigen städtischen Mobilitätsbetreiber beauftragt und durchgeführt werden. Sie sind fahrerlos, voll mit Sensoren und künstlicher Intelligenz ausgestattet und fahren mit einer Maximalgeschwindigkeit von 15 km/h. Helsinki, Washington, D.C., Singapur, Bangalore sind nur einige, die bereits auf den autonomen Bus aufgesprungen sind.

Dies verdeutlicht zwei Dinge:

  • Zum einen beteiligen sich immer mehr städtische Mobilitätsbetreiber an der Forschung am autonomen Fahren.
  • Zum anderen beschränkt sich die allgemeine Forschung längst nicht mehr nur auf selbstfahrende Autos, sondern hat auch andere Fahrzeugsegmente ergriffen. Vor allem die Ausweitung auf Busse führt das Thema einer breiteren Masse an Menschen direkt vor Augen.

Der Stand der Technik ermöglicht derzeit keine großen Sprünge – zu hoch sind (noch) die Sicherheitsbedenken und Risiken, die beispielsweise bei fahrerlosen PKWs nicht mehr zutreffen. Diese Busse müssen in der Stadt, in der sie eingesetzt werden ihren Platz finden und dort für exzellente Leistungen sorgen, um sich höheren Aufgaben zu empfehlen. Egal ob „letzte Meile“, Schienenersatz, oder Senioren- & Behindertentransport.

Autonomer Bus (c) navya technology

wer recht hat – hat recht

Selbst wenn die Realität der selbstfahrenden Busse immer näher rückt, gilt es vorher etwa rechtlichen Rahmenbedingungen zu klären. So folgt die Regelung des Wiener Übereinkommens von 1968 dem Grundgedanken, dass jedes Fahrzeug, das sich in Bewegung befindet, einen Fahrzeugführer haben muss. Ausdruck dieses Grundsatzes ist die jederzeitige Beherrschbarkeit des Fahrzeugführers über das Fahrzeug sowie die Beherrschbarkeit des Fahrzeugführers mit einer an die Verkehrsverhältnisse angepassten Geschwindigkeit. Wenn wir in naher Zukunft autonom Bus fahren wollen, müssen sich MobilitätsexpertInnen auf höchster Ebene darüber einig werden, dass dieses Gesetz adaptiert wird. Eine Änderung würde beispielsweise vorsehen, dass Systeme, welche die Führung eines Fahrzeugs beeinflussen, als zulässig erachtet werden, wenn diese den einschlägigen technischen Regelungen der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa entsprechen oder die Systeme so gestaltet sind, dass sie durch den Fahrer übersteuerbar oder abschaltbar sind. Das würde bedeuten, dass Busse im ersten Schritt der autonomen Wende mit einer Aufsichtsperson/Fahrer/Fahrgastbetreuer unterwegs sein werden, die alle Systeme überwacht und im Falle der Fälle einschreiten kann – für den Anfang sicher eine gute Lösung.

Mercedes Benz Future Bus(c) Daimler

ganz autonom geht es dann doch nicht

Tatsache ist, dass wir derzeit noch ein Stückweit davon entfernt sind, in einem Bereich hoch automatisiert zu fahren, der für das System unbekannt ist. Genau aus diesem Grund ist das Automatisierungspotenzial bei Stadtbussen viel höher als bei PKWs, in denen man bei 200 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn Zeitung lesen kann. Anders als ein Privatauto „kennt“ ein automatisiert betriebener Bus seine Strecke. Vorausgesetzt, er bewegt sich mit eingebauter Vorfahrt auf einer reservierten Fahrspur und muss nicht ausweichen. Damit entfällt eine der schwierigsten Übungen für automatisierte Systeme im dichten Stadtverkehr.

Ganz ohne Sicherheitsfahrer werde es trotz aller Automatisierung aber noch längere Zeit nicht gehen. Perspektivisch ließen sich mit so einem System allerdings die Lenkzeiten verlängern, weil der Fahrer auf einfachen Abschnitten während der Fahrt Pause machen könne.

auch wien ist am puls der zeit angekommen

Auch die Stadt Wien, die in sämtlichen Lebensqualität- und Innvationsrankings nicht ohne Grund ganz vorne rangiert, gibt sich ein eigenes Forschungsprojekt, um bald schon autonom ihre BürgerInnen von A nach B zu befördern. Das Projekt auto.Bus Seestadt startet im Sommer 2017 und wird von den Wiener Linien, dem AIT Austrian Institute of Technology, dem KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit), der TÜV AUSTRIA sowie der SIEMENS AG Österreich und der französische Bushersteller NAVYA gemeinsam an der technologischen und rechtlichen Weiterentwicklung von autonomen Kleinbussen arbeitet. Ziel ist die nachhaltige Erhöhung der Effizienz und der Betriebssicherheit autonomer Fahrzeuge, um letztlich eine Buslinie in der Seestadt unter realen Bedingungen betreiben zu können – inklusive Haltestellen und Fahrplan.

(c) Pierre Salome

Das umfangreiche Projektkonsortium lässt erahnen, wie komplex dieses Unterfangen ist. Ebenso wichtig wie die Weiterentwicklung der Sensorik, sind die Akzeptanz durch die Fahrgäste, die erforderlichen rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die funktionale Sicherheit und IT-Sicherheit der eingesetzten Systeme. Diese Aspekte sollen im Projekt untersucht werden, um letztlich die effiziente Einbindung fahrerloser Fahrzeuge in das multi-modale Verkehrssystem und das Betriebsmanagement eines Verkehrsunternehmens zu ermöglichen.

Bevor der Bus Anfang 2018 nach Wien kommt, müssen allerdings noch zahlreiche rechtliche und regulatorische Fragen geklärt werden. Nach rund einem Jahr Entwicklungszeit soll der Bus dann 2019 den Linienbetrieb in der Seestadt Aspern aufnehmen.

Was bleibt, ist die gewissheit…

…, dass die technischen Anforderungen an einen autonomen Stadtbus fast dieselben sind, wie beim Auto. ExpertInnen gehen aber davon aus, dass Busse deutlich früher autonom unterwegs sein werden als PKWs. Vorausgesetzt, diese Busse nutzen oft spezielle Busspuren. Dort treten seltener unvorhergesehene Situationen ein, und vor allem sind weniger Interaktionen mit anderen Verkehrsteilnehmern erforderlich. Auch ist die rechtliche Situation ist bei Bussen womöglich leichter als bei PKWs. Während beim PKW kaum jemand Einschränkungen auf bestimmte Strecken hinnehmen würde, eignen sich die autonomen Busse besonders gut für den Einsatz auf klar definierten Routen.

Diese Technologie steckt wohl noch in den Kinderschuhen und wird aller Voraussicht nach erst in 5-10 Jahren beweisen können, was in ihr steckt. Doch wenn Städte und ihre Mobilitätsbetreiber jetzt wachsam sind, können sie – das für ihre Stadt, beste Angebot konzipieren und dieses auf die Bedürfnisse ihrer BewohnerInnen optimal anpassen.

denk weiter.

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