05/2016 – Wien/Vancouver – Der Prozess des Zustandekommens einer Veränderung im öffentlichen Raum der gewissermaßen für „die BürgerInnen einer Stadt“ geltend und nutzbar gemacht werden soll, ist für StadtplanerInnen und politische Vertretungen oftmals ein wahrer Spießrutenlauf.

Bindet man die BürgerInnen in den Prozess mit ein, wie sieht es mit der Finanzierung aus, hat die getroffene Maßnahme Auswirkungen auf die Reputation meiner Karriere – all das sind Fragen, mit denen sich betroffene Personen auseinandersetzen müssen. Wir möchten gerne einen genaueren Blick auf den Aspekt der „BürgerInnenbeteiligung“ werfen – genauer, wie sich BürgerInnen einer urbanen Region in die Geschehnisse im öffentlichen Raum einbringen können.

Strategisch langfristig ausgelegte Planungsprozesse, die nach mehreren Jahren abgeschlossen sind, zeichnen sich als bewährte Methode aus, um soziale, wirtschaftliche und kulturelle Bedürfnisse einer urbanen Bevölkerung decken zu können. Oft aber erhält man den Eindruck, dass genau diese langfristig ausgelegten Planungsprozesse an den aktuell vorherrschenden Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei schrammen, da sie in einigen Jahren nicht mehr den Status Quo abbilden. Um nicht als begossener Pudel im Regen dastehen zu müssen, greifen städtische Verwaltungen immer häufiger auf ein bereits bewährtes Mittel zurück, um künftige Projekte und strategische Planungsprozesse effizienter und vor allem „gemeinsam“ durchzuwinken – die „BürgerInnenbeteiligung“ – auch „Partizipation“ genannt.

Viva Vancouver, Pop Rocks 2012 (C) spacing.ca

wien ist sehr aktiv

In Wien passiert einiges in dieser Richtung – egal ob bei der Umgestaltung der Reinprechtsdorfer Straße bei der Umsetzung der Digitalen Agenda Wien oder beim Veränderungsprozess am Alten Landgut. Die Liste kann man nach Belieben erweitern, klar ist jedoch, dass vieles in Wien nicht ohne dem Wissen und Input der Bevölkerung geschieht. Trotz aller Bemühungen und eifrigem Einsatz in diesen Prozessen möchten wir die Palette etwas erweitern und den Ansatz des „Tactical Urbanism“ etwas näher vorstellen.

tactical urbanism – eine annäherung

Bei „Tactical Urbansim“ handelt es sich um einen stadtplanerischen Ansatz, der Ende der 2010er Jahre in Nordamerika entstanden ist. Es geht darum, vorübergehende Lösungen zu schaffen, die den öffentlichen Raum der unmittelbaren Nachbarschaft langfristig verändern können, um neue Anreize und Ideen in Form eines „Living Labs“ zu etablieren. Oft werden Initiativen ins Leben gerufen, die den Kontakt zur städtischen Verwaltung und zu den BürgerInnen herstellt, um als „Stakeholder-Keeper“ alle Bedürfnisse unter einem Hut zu bringen und – das ist das entscheidende – am Ende des Tages eine kostengünstige, im Einklang mit allen Bedürfnissen stehende, Veränderung umzusetzen, die die Wahrnehmung und die Nutzung des öffentlichen Raums grundlegend verändern soll. Der Trend aus Nordamerika zieht immer weiterer Kreise und erfreut sich einer steigenden Beliebtheit. Ein Beispiel:

vancouver

Vancouver möchte bis 2020 die „grünste Stadt“ der Welt sein. Dieses Vorhaben veranlasste die städtische Verwaltung im Jahre 2009 dazu, zahlreiche kommerziell genutzte Straßenzüge für unterschiedlichste Aktivitäten zu räumen um den BürgerInnen die Gestaltung und Nutzung dieser zu übergeben. Die daraus entstandene Initiative brachte einige anschauliche Beispiele hervor, wie der Raum für FußgängerInnen und „RaumverweilerInnen“ attraktiv und zugleich ungezwungen gestaltet werden konnte. Im Laufe der Zeit wuchs die Zufriedenheit unter den BürgerInnen und die Initiative wurde in weiterer Folge als „Viva Vancouver“ unter neuem Namen ausgeweitet. „Viva Vancouver“ verändert Straßen zum öffentlichen Raum und achtet bei diesem Prozess sehr stark auf die Kommunikation mit allen beteiligten Gruppen. Auch der enge Kontakt mit zuständigen Dienststellen der Stadt Vancouver erleichterte die Zusammenarbeit ungemein. Straßensperren oder behördliche Angelegenheiten wurden effizient und problemlos abgewickelt. Für die entstandenen Kosten wurden Spenden bemüht, die von der Initiative „Viva Vancouver“ im Laufe ihrer Tätigkeit gesammelt wurden.

Der Prozess von „Viva Vancouver“ veranschaulichte sehr deutlich, wie wichtig die Kommunikation und das „Brücken schlagen“ zwischen einzelnen InteressentInnengruppen war. Dies hat zur Folge, dass die Idee einen lernenden Prozess erfordert und ihre Zeit und Akzeptanz benötigt. „Viva Vancouver“ hat sich bis heute zu einer Plattform entwickelt, bei der Interessentengruppen neue Ideen einreichen können, die im Einklang mit der Stadtverwaltung und nach öffentlicher Online-Abstimmung umgesetzt werden.

„It is a communication exercise of managing the mind shift. It is all about finding the right person in the other department…with projects like this, they can be very inspirational…people get really excited and want the project to succeed.“ – Krisztina Kassay, Initiatorin von „Viva Vancouver“

Viva Vancouver, Picnurbia 2011 (C) spacing.ca

man muss sich nur trauen

Die Idee des „Tactical Urbanism“ birgt ein enormes Potential und eine bis dato schwer einzuschätzende Möglichkeit, durch die sich Planungsprozesse künftig grundlegend verändern lassen können. Die kleinräumigen, temporären Eingriffe in „Living Lab Atmosphäre“ bieten PlanerInnen ein leicht zugängliches Feedback, um aus den Fehlern zu lernen und die Idee in einem darauffolgendem Großprojekt zu erweitern. Es fühlt sich an, wie eine Testphase, bevor es dann ans Eingemachte geht.

Die „Kundenbindung“ sei in diesem Atemzug auch erwähnt, denn durch laufende Aktivitäten, bei denen die BürgerInnen um Input gebeten werden, werden diese bei Laune gehalten.

Für die Entwicklung einer Stadt schadet es durchaus nicht, wenn man Projekte in „Living Lab Atmosphäre“ nach Vorbild des „Tactical Urbanism“ umsetzt. Naturgemäß haben diese Projekte keine Chance, wenn sie im Widerspruch zur politischen Marschrichtung der Stadt stehen. Als Versuchsobjekt jedoch, tragen sie bei geschickter Umsetzung dazu bei, dass sich die Dinge von alleine entwickeln und der Input der Bevölkerung als wertvolle Ressource genutzt werden kann.

denk weiter. 
Telephone Bookstore (C) John Locke

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